Eine Webfassung zum Original Broadway Cast Album von Wicked. Die Spotify-Links öffnen die jeweiligen Stücke in einem neuen Fenster oder in der Spotify-App.
Prolog
Stell dir einen Theatersaal vor, kurz bevor die Vorstellung beginnt.
Die Lichter sind noch nicht ganz erloschen, ein letztes, warmes Halbdunkel liegt über den Reihen. Irgendwo vorne, im Orchestergraben, stimmt jemand eine Oboe. Programme rascheln, jemand hustet leise. Man spürt dieses eigentümliche Kribbeln, das sich einstellt, wenn viele Menschen gemeinsam auf denselben Moment warten: auf den Moment, in dem sich der Vorhang hebt und eine Welt beginnt, die es eine Minute zuvor noch nicht gab.
Genau dort setzen wir jetzt an. Nicht im Theater von New York oder London, sondern hier, in deinen Kopfhörern, in diesem Moment. Das Licht geht aus. Gleich beginnt Wicked.
Vielleicht hast du den Namen schon gehört, irgendwo, vage. Ein grünes Gesicht auf einem Plakat, ein Song, der dir einmal begegnet ist, ohne dass du wusstest, woher er stammt. Vielleicht hast du noch nie davon gehört. Beides ist in Ordnung, denn dieser Hörführer setzt nichts voraus. Wir beginnen bei null und gehen gemeinsam den ganzen Weg.
Wicked ist, nüchtern betrachtet, ein Musical, das 2003 am Broadway uraufgeführt wurde. Diese Beschreibung ist technisch korrekt und komplett unzureichend, ungefähr so, als würde man den Eiffelturm als eine Ansammlung von Eisenträgern beschreiben. Zahlen erklären nie, warum ein Kunstwerk Menschen tatsächlich berührt, nur, dass es das tut. Warum, das ist die eigentlich interessante Frage, der wir in diesem Hörführer nachgehen wollen.
Was Wicked wirklich ist, lässt sich einfacher sagen: eine Geschichte über zwei junge Frauen, die einander eigentlich nicht ausstehen können und dennoch, oder gerade deshalb, die wichtigste Beziehung ihres Lebens werden. Eine Geschichte über eine, die man von Anfang an zur Bösen erklärt, und eine, die man zur Guten erklärt, obwohl beide Zuschreibungen, wie sich zeigen wird, deutlich komplizierter sind, als sie klingen. Und eine Geschichte, die sich traut, etwas Selbstbewusstes zu tun: Sie nimmt sich eines der bekanntesten Märchen der amerikanischen Kultur vor, Der Zauberer von Oz, und erzählt es noch einmal. Von der anderen Seite.
Damit diese zweite Erzählung ihre volle Kraft entfalten kann, lohnt sich ein kurzer Blick auf die erste. The Wizard of Oz ist in den Vereinigten Staaten so etwas wie ein nationales Gründungsmärchen, vergleichbar vielleicht mit dem Stellenwert, den bei uns Grimms Märchen haben, nur konzentriert auf eine einzige Geschichte, die praktisch jedes Kind kennt. Geschrieben hat sie L. Frank Baum, veröffentlicht 1900: die Geschichte von Dorothy, einem Mädchen aus Kansas, das mit seinem Hund Toto von einem Wirbelsturm in ein magisches Land namens Oz getragen wird. Berühmt wurde diese Geschichte endgültig durch den Film von 1939, mit Judy Garland in der Hauptrolle. Dorothy will nur eines: nach Hause. Auf dem Weg dorthin begegnet sie einer Vogelscheuche ohne Verstand, einem Blechmann ohne Herz, einem Löwen ohne Mut, und am Ende einer Hexe, der Bösen Hexe des Westens, die sie mit einem Eimer Wasser auflöst.
Diese Hexe hat, im Original, nicht einmal einen Namen. Sie ist einfach böse. Das war, über Jahrzehnte, genug Erklärung.
Genau an dieser Stelle beginnt Wicked zu fragen: War es das wirklich? Wer war diese Frau, bevor sie zur Bösen Hexe wurde? Was, wenn die Geschichte, die wir alle zu kennen glauben, nur die halbe Geschichte ist, erzählt aus der Perspektive derjenigen, die gewonnen haben?
Das ist der Kunstgriff, auf dem alles Weitere ruht. Wicked erzählt nicht gegen The Wizard of Oz. Es erzählt daneben, davor, darunter. Jede Figur, die du aus dem alten Märchen zu kennen glaubst, bekommt hier eine Vorgeschichte, eine Motivation, eine menschliche, oder eben grüne, Seite. Am Ende dieses Hörführers wirst du ein Stück amerikanische Popkultur nicht mehr auf dieselbe Weise sehen.
Damit diese Umkehrung funktioniert, braucht es Musik, die zwei Dinge gleichzeitig kann: vertraut klingen wie ein klassisches Broadway-Musical und gleichzeitig etwas völlig Eigenes erzählen. Verantwortlich dafür ist Stephen Schwartz, dessen Name dir vielleicht durch Godspell, Pippin oder seine Arbeit an Disneys Der Glöckner von Notre Dame und Pocahontas begegnet ist. Schwartz hat für Wicked einen Klang gefunden, der zwischen zwei Welten balanciert: verspielt und komödiantisch, wo es um Studentenleben und Popularität geht, getragen von einer fast hymnischen Wucht, wo es um Freiheit und Selbstbehauptung geht. Im Verlauf dieses Hörführers wirst du diese beiden Register immer wieder erkennen, und mit der Zeit wirst du sie kommen sehen, bevor sie einsetzen. Das ist kein Zufall. Es ist Handwerk.
Darum wird es hier die ganze Zeit gehen: darum, wie Musik in einem Musical arbeitet. Ein Song ist hier nie nur eine Pause zwischen zwei Dialogen. Er ist Handlung. Eine Melodie kann eine Figur verändern, während sie singt. Ein wiederkehrendes musikalisches Motiv kann dir, ohne ein Wort, sagen: Erinnerst du dich? Das haben wir schon gehört, und jetzt bedeutet es etwas anderes. Einmal gehört, hörst du nicht nur Wicked anders. Du hörst jedes Musical anders.
Deshalb dieser Hörführer. Wir gehen gemeinsam, Song für Song, durch das Original Broadway Cast Album. Vor jedem Lied erzähle ich dir, wo wir in der Geschichte stehen, worauf zu achten sich lohnt und was der Song für die Handlung bedeutet. Dann schalte ich für einen Moment ab, und du hörst den Song in Ruhe. Danach geht die Geschichte weiter, wie es für Elphaba und Glinda, so heissen unsere beiden jungen Frauen, weitergeht.
Es ist eine lange Reise, mit einem Sturz ins Bodenlose, und mit einem Ende, das leiser und berührender ist, als man bei einem Musical über eine grüne Hexe zunächst erwarten würde.
Aber zuerst beginnen wir noch einmal ganz von vorne. Bei einem Wirbelsturm, einem Haus, das durch die Luft fliegt, und einem Mädchen aus Kansas, das dabei ist, in einer Welt zu landen, die sein Leben, und wie sich zeigen wird, auch ein anderes Leben, für immer verändern wird.
Komm mit nach Oz.
Kapitel 1 – Es war einmal in Oz
Kansas, Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Stell dir eine Ebene vor, so flach und weit, dass der Horizont von keiner Erhebung unterbrochen wird. Alles in dieser Landschaft ist, wie L. Frank Baum es beschreibt, von derselben trostlosen Farbe. Baum wollte, in seinen eigenen Worten, «reines Vergnügen» schreiben, ein Märchen ohne den moralischen Zeigefinger, mit dem die Brüder Grimm ihre Geschichten so gerne würzten.
Dieser Anspruch lohnt einen kurzen Gedanken, denn er erklärt, warum sich Oz überhaupt für ein «Was wäre, wenn» wie Wicked eignet. Die europäischen Märchen, gegen die sich Baum bewusst absetzte, sind fast immer moralisch vorgestanzt: Der Wolf ist böse, weil er ein Wolf ist. Baum wollte eine Welt, die einfach staunen lässt. Gerade weil er auf moralische Eindeutigkeit verzichtete, blieb eine Leerstelle offen, in die später jemand wie Gregory Maguire hineinstossen konnte.
In diesem Haus lebt Dorothy, mit ihrem Hund Toto. Ein Kind, das mehr will, als diese graue Weite ihr geben kann, ohne es selbst schon in Worte fassen zu können. Erinnerst du dich an die Ballade, die Dorothy singt, kurz bevor der Sturm aufzieht, ein Lied über einen Ort «irgendwo über dem Regenbogen»? Theaterleute nennen diese Art von Lied bis heute einen «I-Want-Song»: eine Nummer, meist früh im Stück, in der eine Figur direkt ausspricht, wonach sie sich sehnt. Diesem Handwerksgriff wirst du in diesem Hörführer wieder begegnen, nur in grün: Wenn Elphaba später singt, was sie sich vom Zauberer erhofft, ist das strukturell dieselbe Songform, nur mit einer ganz anderen Melodie.
Dann kommt der Sturm, ein Tornado, wie er über den amerikanischen Prärien immer wieder aufzieht. Er hebt das Farmhaus vom Boden, mit Dorothy und Toto darin, und trägt es, sanft schaukelnd, in eine andere Welt. Als das Haus wieder landet, öffnet Dorothy die Tür, und der Film wechselt, im berühmtesten Schnitt der Filmgeschichte, von gedämpftem Sepia zu satten Technicolor-Farben. Man muss Dorothy nicht erklären, dass sie nicht mehr in Kansas ist. Man sieht es. Begleitet wird dieser Moment vom Lied «Over the Rainbow», das eigentlich fast aus dem fertigen Film herausgeschnitten worden wäre, weil man es für zu getragen hielt, und das stattdessen zur heimlichen Hymne einer ganzen Generation wurde.
Das Haus ist auf einer Hexe gelandet. Unter den Trümmern liegen zwei reglose Füsse in geringelten Strümpfen. Die Böse Hexe des Ostens ist tot, und die Munchkins, die unter ihrer Tyrannei gelitten haben, sind ausser sich vor Dankbarkeit. Diese Figur, die nie ein Wort sagt, nie ein Gesicht zeigt, hat eine Schwester: die Böse Hexe des Westens, die nun zornentbrannt erscheint und die roten, in der Buchvorlage eigentlich silbernen Schuhe ihrer toten Schwester zurückverlangt. Vergeblich, denn die gute Hexe des Nordens hat sie Dorothy bereits an die Füsse gezaubert.
Und hier liegt der eigentliche Ursprung der Geschichte, die dieser Hörführer erzählt. Die Böse Hexe des Westens bekommt im gesamten weiteren Verlauf so gut wie keine eigene Geschichte. Wir erfahren nicht, warum sie böse ist, was sie sich wünscht, wen sie geliebt hat. Sie ist grün, sie ist zornig, und sie muss am Ende besiegt werden. Eine Figur, die vollständig aus ihrer Funktion besteht.
Genau diese Leerstelle liess den amerikanischen Schriftsteller Gregory Maguire nicht los. Was, wenn diese Frau nie die Wahl hatte, gut zu sein, weil die Welt längst entschieden hatte, wer sie ist? 1995 veröffentlichte Maguire seinen Roman «Wicked: The Life and Times of the Wicked Witch of the West» und gab der grünen Hexe zum ersten Mal einen Namen: Elphaba, eine Verbeugung vor L. Frank Baums Initialen, L. F. B. Aus dem Roman wiederum entstand 2003 das Musical, um das es hier geht.
Dorothy will vor allem eines: nach Hause. Auf dem Weg über die gelbe Ziegelsteinstrasse begegnet sie einer Vogelscheuche, die sich für dumm hält, einem Blechmann, der sich nach einem Herzen sehnt, und einem Löwen, der sich für seine eigene Feigheit schämt. Alle drei besitzen längst, wonach sie sich sehnen. Den Zauberer brauchen sie eigentlich gar nicht, sie mussten nur gemeinsam einen Weg gehen, um zu erkennen, was in ihnen längst da war.
In der Smaragdstadt entlarvt sich schliesslich auch der grosse, furchteinflössende Zauberer als das, was er wirklich ist: ein Mann aus Kansas, der mit einem Ballon versehentlich nach Oz geweht wurde und sich seither hinter einem Vorhang, hinter Rauch und Donner versteckt, ein Bluff, mehr nicht. «Pay no attention to the man behind the curtain», ruft er, als Dorothys Hund Toto den Vorhang zur Seite zieht. Diesen Vorhang solltest du dir merken. Wenn du später in diesem Hörführer den Song «Wonderful» hörst, in dem sich der Zauberer von Wicked auf seine eigene Weise erklärt, wirst du feststellen, dass Schwartz mit derselben Idee arbeitet, nur musikalisch: mit einer Melodie, die so einnehmend klingt, dass man beinahe vergisst, wie wenig dahintersteckt.
Die Böse Hexe des Westens selbst schmilzt gegen Ende unter einem Eimer Wasser, ohne ein letztes Wort. Betrachtet man diese kleine, fast komische Szene nicht aus der Position der Siegerin, sondern aus der Position der Sterbenden, wird sie plötzlich unheimlich: eine Figur, die nie eine eigene Stimme hatte, verschwindet, ohne dass irgendjemand innehält, um zu fragen, was da gerade geschehen ist.
Bis auf eine einzige, unbequeme Frage, die diese alte Geschichte nie stellt: Wer war die Frau mit der grünen Haut, bevor sie in einem Eimer Wasser dahinschmolz?
Genau an dieser Frage setzt Wicked an. Und diese zweite Stimme beginnt nicht mit einem Paukenschlag. Ein Musical könnte mit einer wuchtigen Ouvertüre eröffnen, wie es seit den vierziger Jahren üblich ist, seit Komponistenduos wie Rodgers und Hammerstein jene Form des Book Musical begründeten, in der Songs die Handlung tatsächlich vorantreiben, statt blosse Einlagen zu sein. Wicked steht in dieser Tradition, unterläuft ihre Konventionen aber immer wieder auf kluge Weise. Stattdessen beginnt Wicked mit einer Feier.
Nicht mit einer eigenen Szene zu Elphabas Geburt. Sondern mit einer jubelnden Menge, die den Tod einer Frau bejubelt, von der wir noch nichts wissen, ausser dass sie angeblich böse war. Ihre Herkunft wird, wie du gleich hören wirst, bereits im ersten Song mit erzählt, nur eben verwoben in diesen Jubel, nicht als eigene Rückblende vorab.
Komm mit in die Smaragdstadt, an den Tag, an dem in Oz gefeiert wird.
Kapitel 2 – Die Nachricht von ihrem Tod
Wicked beginnt mit einer Feier.
Stell dir die Smaragdstadt vor, festlich, überfüllt, ein Platz voller Menschen in ihren besten Kleidern. Die Böse Hexe des Westens ist tot. Ein Mädchen aus einem anderen Land, so erzählt man sich, hat sie mit einem Eimer Wasser aufgelöst. Mitten in diesem Freudentaumel schwebt, in einer glitzernden Kugel herabgelassen, eine Frau in rosafarbenem Kleid, mit einem Lächeln, das so eingeübt wirkt wie das einer Königin bei einer Parade.
Das ist Glinda, wie sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits nennt.
Dieses erste Bild ist einen Moment Aufmerksamkeit wert, denn es ist ein sorgfältig komponiertes Bild. Eine Frau, die von oben herabschwebt, in einer durchsichtigen Kugel: Das ist die Bildsprache, mit der man in Oz seit jeher Güte darstellt. Wicked zitiert dieses Bild bewusst, fast zu perfekt, und genau diese Übertreibung sollte dich stutzig machen, noch bevor Glinda ein Wort gesagt hat.
Man hätte diese Geschichte auch chronologisch erzählen können, von Elphabas Geburt an bis zu ihrem angeblichen Tod. Stattdessen beginnt Wicked mit dem Ende und spult erst danach zurück, ein Rückblenden-Rahmen, wie du ihn aus Kriminalromanen kennst. Du weisst, sobald der erste Ton verklungen ist, wie diese Geschichte endet. Und trotzdem funktioniert genau dieser Verzicht auf Überraschung als Motor für etwas anderes: Du hörst nicht, um herauszufinden, ob Elphaba überlebt. Du hörst, um herauszufinden, wer sie war.
Weil wir mit dem Ende beginnen, lernst du Glinda nicht als das kennen, was sie einmal war, sondern als das, was aus ihr geworden ist. Für einen Moment ist sie reine Oberfläche: strahlend, makellos. Doch in ihrem eigenen Gesang stellt Glinda die Frage, ob Menschen böse geboren oder erst dazu gemacht werden. Schon diese Frage verrät, dass unter dem rosafarbenen Kleid etwas liegt, das komplizierter ist, als das Publikum in der Smaragdstadt ahnt.
Jetzt aber zur Musik selbst, denn «No One Mourns the Wicked» baut in wenigen Minuten eine ganze Welt auf, bevor Elphaba selbst als handelnde Hauptfigur erscheint.
Hör zunächst auf die Menge. Der Song beginnt mit einem vollen Ensemblechor, der fast liturgisch klingt: Alle Stimmen bewegen sich gemeinsam im selben Rhythmus und wirken dadurch wie eine einzige, geschlossene Stimme. Das ist eine bewusste Wahl. Ein Chor, der wie eine Gemeinde klingt, verleiht dem, was er singt, sofort das Gewicht einer feststehenden Tatsache: «No one mourns the wicked», niemand trauert um die Böse. Es klingt, als würde die ganze Gesellschaft von Oz aus einem Mund sprechen. Genau das ist die Pointe, die dieser Hörführer immer wieder aufgreifen wird: Dieser Chor ist nicht nur Klang. Er ist öffentliche Meinung, und eine Gesellschaft, die im Chor spricht, klingt automatisch überzeugender als eine einzelne, zweifelnde Stimme.
Instrumentiert ist dieser Beginn festlich, fast marschartig, mit einem treibenden Rhythmus, der eher an einen Festumzug erinnert als an eine stille Trauerfeier. Das ist kein Zufall: Man würde bei einem Song über den Tod ein gedämpftes, nach innen gekehrtes Klangbild erwarten. Stattdessen erklingt helle, festliche Musik, die keine Trauer, sondern deren bewusste Abwesenheit feiert.
Schon bald tritt Glinda in den Song ein, und mit ihr verändert sich die Musik hörbar. Ihre Melodielinien sind beweglicher als die des Chors, leichter, mit kleinen verzierten Läufen. Für Glinda ist das die perfekte musikalische Verkleidung: Ihre Stimme klingt spielerisch, beinahe schwerelos, und genau diese Leichtigkeit lässt sie sofort als «gut» erscheinen, unabhängig davon, was sie eigentlich sagt. Sie ist es auch, die die Frage in den Raum stellt, um die sich der Song im Kern dreht: Wird man böse geboren, oder wird man erst dazu gemacht?
Aus dieser Frage heraus öffnet sich eine kurze Rückblende: von Elphabas Mutter, die sich mit einem unbekannten Mann einliess, von einem grünen Elixier, das dabei im Spiel gewesen sein soll, und von einer Geburt, bei der ein Kind mit grüner Haut zur Welt kam. Solange es nur um die Anbahnung dieser Affäre geht, bleibt der musikalische Ton beinahe kokett, fast vergnügt, so, als würde man einen pikanten Klatsch genüsslich weitererzählen. Im Moment der Geburt kippt dieser Ton hörbar: Aus dem leichten Erzählen wird für wenige Takte etwas Schärferes, bevor ihr Vater mit einem einzigen, hart hingeworfenen «Take it away» die Erinnerung abrupt abbricht, fast gesprochen, kein gesungener Abschluss. Bemerkenswert ist, wie unauffällig diese private Vorgeschichte in die öffentliche Feier der Gegenwart eingebettet ist: Der Song wechselt nicht in eine eigene Nummer, sondern lässt Vergangenheit und Gegenwart im selben musikalischen Fluss ineinander übergehen, als wäre die eine nur eine Fussnote der anderen.
Nach dieser kurzen Geburtsrückblende tritt Glinda wieder in den Vordergrund der Feier, mit derselben beweglichen, leichten Linie wie zuvor. Danach kehrt der Chor zum vollen Ensembleklang zurück, jetzt lauter und entschlossener als zu Beginn, wie eine Tür, die sich mit Nachdruck wieder schliesst.
Zwei Dinge lohnen sich beim Hören besonders: der Kontrast zwischen dem geschlossenen Chorklang und Glindas beweglicheren Linien; und der musikalische Umschwung in der kurzen Rückblende zu Elphabas Geburt, vom beinahe kokett erzählenden Ton zu jenem harten «Take it away», mit dem die Erinnerung endet.
Die Menge bleibt überzeugt und zufrieden zurück. Doch jemand aus ihr lässt nicht locker und ruft Glinda direkt an: Ob es wahr sei, dass sie und die Böse Hexe einst befreundet waren?
Glindas Antwort ist, im englischen Original, denkbar knapp: «Well, it depends what you mean by ‹friend›.» Es kommt darauf an, was man unter «Freundin» versteht. Dann, nach kurzer Pause, ergänzt sie: Sie habe die Hexe tatsächlich gekannt, ihre Wege hätten sich gekreuzt, an der Universität.
Mit diesem einen Wort, «Universität», kippt die Bühne, ohne Blackout, ohne Donnerschlag. Die Musik setzt einfach wieder ein, diesmal Jahre zuvor, an einem Ort, an dem Steine noch von Efeu überwuchert sind. Achte auf den gesprochenen Dialog, aus dem heraus sich die Rückblende öffnet: Schon während Glinda antwortet, beginnt jenes kurze Gespräch, das noch vor der eigentlichen Musik einsetzt und direkt in den nächsten Song übergeht.
«Dear Old Shiz» beginnt, wie eben gehört, mit jenem gesprochenen Dialog, der die Rückblende auslöst. Erst danach setzt der eigentliche Song ein: ein kurzer, feierlicher Hochschulchoral, fast wie eine Alma-Mater-Hymne, im Klangbild eher statisch und getragen als bewegt. Die Ankunftssituation selbst, mit ihren ersten sichtbaren Figuren, gehört zur Bühnenszene, nicht zur Musik: Der Choral bleibt trotz des belebten Campusbilds auf der Bühne klanglich geschlossen und zurückhaltend.
Mittendrin entdeckst du zwei Figuren, die sich aus der Menge herausheben: eine grüne junge Frau, die einen Rollstuhl durch die Menge manövriert, und eine junge blonde Frau, umringt von bewundernden Kommilitoninnen.
Der Song hat eine Welt errichtet, hell, unbeschwert, voller Anfang. Eine der beiden jungen Frauen, die du eben nur am Rande wahrgenommen hast, steht kurz davor, ungewollt zu zeigen, wer sie wirklich ist.
Kapitel 3 – Ankunft in Shiz
Die grüne junge Frau, die eben noch den Rollstuhl durch die Menge manövriert hat, heisst Elphaba. Im Rollstuhl sitzt ihre jüngere Schwester Nessarose. Elphaba ist, seit sie denken kann, zu deren Beschützerin und Betreuerin gemacht worden, eine Rolle, die ihr niemand angeboten, sondern schlicht zugewiesen hat. Dass der Vater, den du bereits aus Kapitel 2 kennst, Nessarose gegenüber Elphaba unverhohlen bevorzugt, wird in der folgenden Szene rasch spürbar.
Madame Morrible, die Rektorin der Zauberei-Abteilung, ist bereits da, um Nessarose in Empfang zu nehmen, jede Silbe abgemessen, jedes Lächeln kalkuliert. Elphaba steht buchstäblich am Rand des Bildes, bis Nessaroses Rollstuhl zu kippen droht und Elphaba, in einer Sekunde reiner Panik, ohne es zu wollen, Magie wirkt. Keine Fingerübung, sondern echte, unkontrollierte Macht, die den Rollstuhl in der Luft anhält und die versammelte Erstsemesterschar in Schweigen versetzt.
Wo jeder andere Erwachsene in Elphabas Leben bisher nur die grüne Haut gesehen hat, sieht Morrible in diesem Moment Talent, rohes, potenziell nützliches Talent, und bietet Elphaba auf der Stelle einen Platz in ihrer exklusiven Zauberei-Klasse an. Und hier betritt, mit exquisitem Timing, die zweite Hauptfigur die Bühne: Galinda, blond, makellos gekleidet, umgeben von einer kleinen Entourage, überzeugt, dass genau dieser Platz ihr zusteht. Jetzt schnappt sich eine unbekannte grüne Studentin, die noch nicht einmal ihr Gepäck ausgepackt hat, den Platz, von dem Galinda seit Monaten träumt. Es ist der Beginn einer Rivalität, die dieses Musical über weite Strecken trägt, gezeigt in einem einzigen Blick zwischen zwei jungen Frauen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben.
Für Elphaba ist dieser Moment eine Mischung aus Verwirrung und aufkeimender Hoffnung. Was Madame Morrible ihr tatsächlich in Aussicht stellt, ist mehr als Magieunterricht: die Möglichkeit, eines Tages persönlich vor dem Zauberer von Oz zu erscheinen, jenem Herrscher, den du aus dem vorigen Kapitel bereits als Bluff-Herrscher kennst, auch wenn Elphaba davon noch nichts ahnt. Für sie ist er in diesem Moment reine Verheissung.
Bevor du «The Wizard and I» hörst, ein Hinweis: Du hörst hier eine junge Frau, die zum ersten Mal in ihrem Leben laut ausspricht, wonach sie sich sehnt, und gleichzeitig eine Musik, die mit ihr lernt, sich etwas zuzutrauen. Der Song beginnt zurückhaltend, mit einer einfachen, tastenden Melodie. Doch schon nach den ersten Zeilen beginnt sich etwas zu verschieben, während der Text von der Erinnerung zur eigentlichen Sehnsucht wechselt: Was wäre, wenn der Zauberer sie wirklich sähe?
Der zentrale Gedanke dieses Songs lässt sich beim ersten Hören leicht missverstehen: Elphaba wünscht sich nicht, normal oder unsichtbar zu sein. Sie träumt davon, gerade wegen ihrer aussergewöhnlichen Fähigkeiten gefeiert zu werden, nicht trotz ihrer Andersartigkeit geduldet. Ihr Wunsch ist kein Rückzug, sondern ein Vorstoss in die Mitte der Bühne.
Musikalisch begleitet Schwartz diesen Optimismus mit einem der zuverlässigsten Mittel des Musiktheaters: Die Musik rückt in eine höhere Tonlage, und schon dadurch klingt es, als würde Elphaba innerlich grösser werden. Das Orchester wird zunehmend voller, bis der zaghafte Anfang sich in einen Sog verwandelt, der dich mitreisst, so wie er Elphaba mitreisst. Am Ende steht sie, zumindest in ihrer eigenen Vorstellung, nicht mehr als Aussenseiterin da, sondern als jemand, der endlich gesehen wird.
Achte bei der Zeile «Unlimited, my future is unlimited» auf die kurze, aufsteigende Melodiewendung, mit der Elphaba dieses Wort unterlegt. Sie ist mehr als hübsche Musik: Dieselbe Wendung kehrt im Verlauf des Musicals in «Defying Gravity» und in «For Good» wieder, jeweils mit veränderter Bedeutung. Hier, in diesem ersten Moment, steht sie schlicht für Elphabas Vorstellung einer grenzenlosen persönlichen Zukunft.
Worauf sich diese Hoffnung richtet, weisst du bereits: eine Figur, die es, wie sich zeigen wird, gar nicht verdient, angehimmelt zu werden. Das macht diesen Song nicht weniger anrührend, eher im Gegenteil. Du hörst eine junge Frau, die zum ersten Mal wagt, überhaupt zu hoffen, ganz gleich, worauf sich diese Hoffnung richtet.
Nach diesem Moment der Hoffnung folgt eine der prosaischeren Fragen des Universitätslebens: Wer zieht mit wem in welches Zimmer. Madame Morrible weist Elphaba und Galinda einander als Zimmergenossinnen zu, eine Entscheidung, die in der Geschichte von Shiz vermutlich als grösste Fehlbesetzung gilt.
Die erste Begegnung im Zimmer verläuft mit äusserster Höflichkeit und kaum verhohlener Feindseligkeit. Galinda mustert die spärlichen Habseligkeiten ihrer neuen Mitbewohnerin mit Entsetzen, während Elphaba ihr mit trockenem Sarkasmus begegnet. Diese Höflichkeit hält nicht lange. Galinda bricht als Erste aus sich heraus, nicht aus Bosheit, sondern aus etwas, das man fast als Verzweiflung bezeichnen könnte: Was ist das für ein Gefühl, das sie überkommt, sobald sie Elphaba nur ansieht?
Bevor du «What Is This Feeling?» hörst, ein Hinweis auf einen Ausdruck, den du im englischen Original hören wirst: «unadulterated loathing». Das bedeutet wörtlich etwa «unvermischte» oder «reine» Abscheu, nicht einfach nur Abneigung, sondern eine Abneigung, die keinerlei andere Regung mehr zulässt. Genau darin liegt die Komik des Songs: Er beginnt musikalisch fast wie ein Liebesduett, zwei Stimmen, die sich aufeinander zubewegen, und landet dann in einer derart theatralisch überhöhten Ablehnung, dass die Form selbst zur Pointe wird.
Hör besonders auf die beiden Stimmen, die einander zunächst getrennt, dann zunehmend im Duett begegnen. Galindas Linie bleibt hoch, hell, mit denselben verzierten Läufen, die du bereits kennst, nur jetzt nicht in Güte, sondern in Abscheu eingesetzt, was für sich genommen schon komisch ist. Elphabas Linie ist schroffer, direkter. Der Refrain selbst ist harmonisch übertrieben, fast opernhaft, für eine simple Zimmergenossinnen-Zwistigkeit eigentlich viel zu grosses Besteck.
Auch das Ensemble spielt hier eine Rolle: die anderen Studierenden, die diesen Streit mit sichtlichem Vergnügen mitverfolgen. Das ist noch nicht die politische Masse, die du in Kapitel 2 gehört hast, aber bereits ihr kleiner Vorläufer: eine campusinterne Öffentlichkeit, die durch blosses Zusehen und Kommentieren ein Urteil verstärkt, lange bevor daraus etwas Grösseres wird. Bemerkenswert ist, wie sehr sich der Song am Ende beschleunigt, wie die Phrasen der beiden Frauen sich überlappen, bis sie einander förmlich ins Wort fallen, zwei Melodielinien, die sich, ob sie wollen oder nicht, ineinander verhaken.
Wenn der letzte, übertrieben dramatische Akkord verklingt, geschieht etwas, das für den weiteren Verlauf entscheidend ist, auch wenn es in diesem Moment noch niemand bemerkt. Der Streit ist ausgesprochen, mit theatralischer Ausführlichkeit. Und wie das bei Menschen manchmal funktioniert: Wenn man dem Ärger einmal so vollständig Luft gemacht hat, bleibt danach überraschend wenig davon übrig. Es dauert nicht mehr lange, bis ein Ereignis eintritt, das diese beiden jungen Frauen näher zusammenrücken lässt, als beide für möglich gehalten hätten.
Kapitel 4 – Eine unmögliche Freundschaft
Das Ereignis, das Elphaba und Galinda einander näherbringen wird, beginnt nicht mit den beiden selbst, sondern mit einer dritten Figur: Doktor Dillamond, Elphabas Geschichtslehrer, ein Ziegenbock, der in Anzug und Brille vor der Klasse steht und über die Geschichte von Oz unterrichtet, so selbstverständlich, wie ein Mensch das täte.
Genau dieses «Selbstverständlich» beginnt, in diesem Kapitel, zu bröckeln. Elphaba bemerkt es zuerst kaum: Doktor Dillamonds Stimme klingt manchmal brüchig, als würde ihm mitten im Satz ein Wort entgleiten. Ein Schild taucht auf, das Tieren den Zutritt zu gewissen Bereichen der Universität untersagt, so beiläufig angebracht, dass die meisten Studierenden achtlos daran vorbeigehen. Für Elphaba, die gelernt hat, genau hinzusehen, wo andere wegsehen, ist das kein Hintergrundgeräusch, sondern ein Alarmsignal.
Wicked führt sein politisches Thema mit auffallender Zurückhaltung ein. Kein Redner, keine Verordnung, kein Bösewicht, der seinen Plan erklärt. Die Unterdrückung der Tiere von Oz schleicht sich in Details ein, die man leicht überliest, wenn man nicht ohnehin geübt darin ist, auf den Rand des Bildes zu achten.
Bevor du «Something Bad» hörst, ein Hinweis: Dieser Song klingt bewusst weniger nach einer Broadway-Nummer als alles, was du bisher gehört hast. Die Musik wirkt, als finde sie keinen sicheren Boden, sie schiebt sich unruhig vorwärts, statt sich in einer klaren, beruhigenden Form niederzulassen, fast so, als würde Doktor Dillamond, genau wie seine Stimme, mitten im Satz die Kontrolle verlieren. Du hörst keine Geschichte, die erklärt wird. Du hörst eine Angst, die sich mitten im Sprechen Bahn bricht.
Für Elphaba markiert dieser Moment einen stillen, unumkehrbaren Wendepunkt. Was bislang eine vage Ahnung war, ist jetzt Gewissheit. Doch Wicked wechselt unmittelbar danach die Tonlage: Shiz bekommt Zuwachs, einen neuen Studenten, verspätet, offensichtlich adlig, der den ganzen Campus in Aufregung versetzt.
Sein Name ist Fiyero, Prinz eines fernen Landes, und sein erster Auftritt ist eine einzige Demonstration von Oberflächlichkeit. Er kommt zu spät, unvorbereitet, und begegnet der Studentenschaft mit einem Lächeln, das jede Konsequenz im Voraus wegzulächeln scheint. Sein Auftrittssong könnte als Motto über seinem Zimmer hängen: Warum sich anstrengen, wenn man tanzend durchs Leben gleiten kann?
Der Song, «Dancing Through Life», trägt ihn direkt in den Ozdust Ballroom, jene schummrige Tanzhalle, in die sich die Studierenden von Shiz für ihre Abende zurückziehen. Achte auf die tänzerische, federnde Leichtigkeit dieser Musik, auf ihre scheinbar mühelose Bewegung, und gleichzeitig auf den Text, der darunter eine deutlich zynischere Haltung verbirgt, als die Musik zunächst verrät: eine bewusste Entscheidung, sich von allem fernzuhalten, was Anstrengung oder Verantwortung bedeuten könnte, eine vorweggenommene Resignation, verkleidet als Lebensfreude. Die Musik lügt nicht, sie sagt genau das, was sie zu sagen scheint, nur nicht das, was der Text im Kern meint.
Galinda hat für diesen Abend gleich zwei Dinge im Sinn, und sie hängen enger zusammen, als es zunächst scheint.
Sie will unbedingt an Fiyeros Seite zur Party gehen. Boq, ein aufmerksamer, etwas schüchterner Student, der seit Wochen unübersehbar in Galinda verliebt ist, kommt ihr da gerade recht: Sie überredet ihn, stattdessen Nessarose einzuladen, mit dem Argument, das sei eine nette Geste gegenüber der neuen, im Rollstuhl sitzenden Mitstudentin. Boq, der Galinda nichts abschlagen kann, folgt diesem Rat, ohne die Tragweite zu ahnen. Nessarose, die ihr Leben lang gelernt hat, jede Aufmerksamkeit als Ausnahme zu betrachten, missversteht seine Einladung nicht als Höflichkeit, sondern als echtes Interesse. Es ist ein kleines Missverständnis, das über dieses Kapitel hinaus Folgen haben wird.
Das zweite Vorhaben betrifft Elphaba. Um sie an diesem Abend blosszustellen, schenkt Galinda ihr scheinbar grosszügig einen spitzen, schwarzen Hut, mit dem Hintergedanken, sie damit lächerlich zu machen. Elphaba, die es nicht gewohnt ist, beschenkt zu werden, hält das Geschenk für einen echten Vertrauensbeweis. Sie ist so berührt von dieser vermeintlichen Geste, dass sie sich noch vor dem Ballabend bei Madame Morrible dafür einsetzt, dass auch Galinda einen Platz im Zaubereiunterricht bekommt, als stiller Dank für eine Freundlichkeit, die in Wahrheit keine war. Beim Ball selbst erfährt Galinda von Madame Morrible, dass es tatsächlich Elphaba war, die auf ihrer Aufnahme bestanden hat.
Beim Ball trägt Elphaba den Hut mit einer Ernsthaftigkeit, die ihn beinahe würdevoll wirken lässt, und genau das macht die Szene, die folgt, so schmerzhaft: Die Studierenden brechen in Gelächter aus, bis Elphaba allein in der Mitte der Tanzfläche steht, ein Kreis aus höhnischen Blicken um sie herum.
Für Galinda ist dieser Anblick kein Triumph, wie sie ihn sich erhofft hatte. Sie sieht mit an, was ihr eigener Streich angerichtet hat, und etwas in ihr kippt. Es ist eine erste, ungewohnte Scham über die eigene Bosheit, verstärkt durch das, was sie soeben von Madame Morrible erfahren hat: wie grosszügig Elphaba ihr begegnet ist. Galinda tritt selbst auf die Tanzfläche, nicht um sich über Elphaba zu erheben, sondern um sich, zum ersten Mal, neben sie zu stellen, mit denselben unbeholfenen Bewegungen, im selben spitzen Hut-Gestus, als würde sie sagen: Das hier machen wir jetzt gemeinsam durch. Dieser stille Schulterschluss, nicht «Popular», ist der eigentliche Wendepunkt dieses Kapitels. Fiyero sieht dieser Szene zu, und auch für ihn bleibt sie nicht folgenlos, aber es ist Galinda, die in diesem Moment handelt.
Am nächsten Tag verkündet Galinda ein neues Projekt: Sie wird Elphaba zu gesellschaftlichem Erfolg verhelfen. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Umstyling-Projekt, mehr Kosmetik als Charakterarbeit. Aber Galinda hat, so wie sie erzogen wurde, nur eine Sprache gelernt, in der sie Zuneigung ausdrücken kann: Beliebtheit. Was von aussen wie Eitelkeit aussieht, ist ihr aufrichtiger, wenn auch unbeholfener Versuch, an dem Abend auf der Tanzfläche anzuknüpfen, den Fehler von gestern gutzumachen.
Bevor du «Popular» hörst, ein Hinweis: Hör genau darauf, wie sehr sich die Musik an Elphaba richtet, nicht an ein Publikum. Musikalisch ist «Popular» eine der zugänglichsten Nummern des ganzen Musicals, mit einer hüpfenden, fast kindlich einfachen Melodie. Doch es gibt einen Moment, in dem diese fröhliche Oberfläche kurz zurücktritt, in dem Galinda innehält, ehrlicher wird. Dieser winzige Bruch ist der eigentliche emotionale Kern des Songs: Galindas ungeschickte, aber ernst gemeinte Freundschaftsgeste an eine neue Verbündete.
Zwischen den beiden hat sich tatsächlich etwas verändert, das über die äusserliche Verwandlung hinausgeht. Aus zwei jungen Frauen, die sich noch vor Tagen ihre gegenseitige Abscheu vorgesungen haben, ist so etwas wie eine Freundschaft geworden.
Diese neue Nähe wird schon bald auf eine Probe gestellt, die weit über Frisuren hinausreicht. Was mit Doktor Dillamond begonnen hat, endet nicht mit brüchigen Sätzen. Wenige Tage später erscheint er nicht mehr zum Unterricht. Man erklärt den Studierenden knapp, er sei «beurlaubt», ein Wort, das niemand genauer hinterfragt, ausser Elphaba. An seiner Stelle unterrichtet fortan ein menschlicher Lehrer, dessen erste Unterrichtsstunde mit einem Gegenstand beginnt, der in keinem Lehrplan steht: einem schmalen Käfig, darin ein Löwenjunges, kaum mehr als ein Jahr alt. Der Lehrer erklärt, ganz beiläufig, dieses Tier eigne sich hervorragend, um den Studierenden zu demonstrieren, wie man mit unberechenbaren Kreaturen umzugehen habe, sollten sie eines Tages, aus welchen Gründen auch immer, in Versuchung geraten, zu sprechen.
Für Elphaba ist das kein abstraktes Beispiel mehr, sondern der greifbare Beweis dessen, wovor Doktor Dillamond sie gewarnt hat, direkt in ihrem eigenen Klassenzimmer. Das verängstigte Löwenjunge presst sich, kaum dass jemand näher tritt, in die hinterste Ecke seines Käfigs, und dieses Zittern sagt mehr, als es mit Worten je könnte. Elphaba reagiert, ohne nachzudenken, mit derselben unkontrollierten Kraft, die schon Nessaroses Rollstuhl in der Luft gehalten hat, und versucht, den Käfig zu öffnen.
Fiyero hilft ihr in diesem Moment, ruhig, entschlossen, ohne grosse Geste. Gemeinsam gelingt es ihnen, das Löwenjunge zu befreien und es, mit letzter Vorsicht, in den Wald ausserhalb der Stadt zu bringen, wo es, vielleicht, eine Chance auf ein eigenes Leben hat. Es ist eine riskante Handlung, die etwas hinterlässt, das beide erst später werden benennen können: das Gefühl, in einem Moment reiner Dringlichkeit gesehen worden zu sein, ohne Rolle, ohne Publikum.
Kapitel 5 – Zwischen Hoffnung und Enttäuschung
Nach der Rettung des Löwenjungen ändert sich zwischen Elphaba und Fiyero etwas, das keiner von beiden ausspricht. Es ist nichts, das man mit blossem Auge sehen könnte: kein Blick, der zu lange dauert, kein Satz, der zu viel verrät. Nur ein stilles, unausgesprochenes Nähegefühl, das Elphaba mit sich herumträgt, während der Alltag in Shiz weitergeht, als wäre nichts geschehen. Sie hat sich, zum ersten Mal seit ihrer Ankunft, dabei ertappt, an jemanden zu denken, der nicht ihre Schwester und nicht ihre eigene Zukunft ist.
Aus dieser stillen Gewissheit heraus meldet sich sofort ein zweiter, kälterer Gedanke. Fiyero gehört, zumindest in den Augen von ganz Shiz, an Galindas Seite. Er ist charmant, adlig, unbeschwert, alles, was Elphaba nach ihrem eigenen Massstab niemals war und niemals sein wird. Was auch immer zwischen ihm und ihr bei jener Begegnung im Wald an leiser Verbundenheit entstanden ist, überzeugt sich Elphaba rasch davon, dass daraus nichts werden kann. Sie ist nicht die Frau, die neben Galinda auffällt. Sie ist die Frau, die man toleriert, wenn es sein muss, und übersieht, wenn es nicht sein muss.
Bevor du «I’m Not That Girl» hörst, ein Hinweis: Dieser Song funktioniert vollkommen anders als alles, was du bisher von Elphaba gehört hast. Achte auf die Stille um die Melodie herum, auf den Verzicht auf jede grosse Geste. Nach den vollen Nummern der vorigen Kapitel ist dieser Moment musikalisch fast ein Schock, aber ein bewusst gesetzter: Die Begleitung reduziert sich auf das Nötigste, eine Melodie, die sich in kleinen, unauffälligen Schritten bewegt, ohne den grossen Bogen, den du aus «The Wizard and I» kennst.
Der Titel des Songs ist keine nüchterne Feststellung, sondern ein Satz, den sich Elphaba selbst vorsagt, wieder und wieder, um ihn irgendwann zu glauben. «I’m Not That Girl» klingt wie eine Tatsache, ist aber ein Überzeugungsversuch, gerichtet an eine einzige Zuhörerin: sich selbst. Je öfter sie diesen Satz in sich hineinsingt, desto deutlicher spürt man, wie wenig sie ihn eigentlich glaubt. Diese leise Verzweiflung wäre in einer grossen, orchestral aufgeblasenen Nummer unmöglich zu hören. Nur weil die Musik so zurückhaltend bleibt, kannst du das leise Zittern unter Elphabas Fassung überhaupt wahrnehmen.
Elphaba tut das, was sie in ihrem Leben am besten gelernt hat: Sie schluckt das Gefühl herunter und wendet sich wieder dem Einzigen zu, das ihr in diesem Moment noch greifbar erscheint, ihrer Zukunft an der Universität. Kurz darauf trifft eine Nachricht ein, die alles Bisherige in den Hintergrund drängt: Elphaba ist eingeladen, persönlich vor dem Zauberer von Oz zu erscheinen. Galinda entscheidet auf der Stelle, sie zu begleiten.
Am Tag der Abreise wartet Galinda mit Elphaba auf die Kutsche, als Fiyero unangekündigt erscheint, um sich zu verabschieden. Er sagt, fast beiläufig, er habe in den letzten Wochen oft an jenen Tag im Wald denken müssen, an das Löwenjunge und an das, was er und Elphaba gemeinsam riskiert hatten. Er sagt es in Galindas Gegenwart, aber sein Blick bleibt einen Atemzug zu lange bei Elphaba. Galinda bemerkt es, zum ersten Mal ganz ohne Zweifel: Fiyero ist ihr zwar zugetan, aber es ist Elphaba, die ihn auf eine Weise berührt, die er selbst wahrscheinlich noch nicht benennen kann. Es ist kein Bruch, keine Szene, nur eine stille Gewissheit, die Galinda mit sich nimmt.
Aus dieser Gewissheit heraus trifft sie in diesem Moment eine kleine, aber bezeichnende Entscheidung. Seit ihrem ersten Tag in Shiz hatte Doktor Dillamond ihren Namen in seiner eigenwilligen Aussprache stets als «Glinda» statt «Galinda» ausgesprochen, eine kleine Ungenauigkeit, über die sie milde hinweggegangen war. Jetzt, da er fort ist und niemand genau sagen kann, wohin, entscheidet sie sich, ausgerechnet diesen kleinen Irrtum zu übernehmen, als stille Geste der Erinnerung an ihn, aber auch, ohne dass sie es sich eingestehen würde, als leiser Neuanfang für sich selbst. Von diesem Moment an nennt sie sich Glinda, und der Hörführer wird ihr, von hier an, ebenfalls unter diesem Namen folgen.
Was zählt, ist dann die Ankunft, jener Moment, in dem zwei junge Frauen aus der Provinz zum ersten Mal jene Stadt betreten, von der in ganz Oz gesungen wird. Türme aus grünem Glas, Strassen voller Menschen, Musik aus jeder Gasse.
Bevor du «One Short Day» hörst, ein Hinweis: Dies ist wieder eine grosse Ensemble-Nummer, aber eine, die eine ganz eigene Art von Überwältigung erzeugen will, durch schiere Geschwindigkeit und Vielfalt. Kaum hat sich ein musikalischer Gedanke etabliert, wird er schon vom nächsten abgelöst, so als würde die Smaragdstadt selbst der Musik keine Zeit lassen, sich an irgendetwas zu gewöhnen. Die Smaragdstadt ist dabei nicht nur ein Ort, an dem gefeiert wird, sondern selbst eine Bühne, die ihre eigene Grossartigkeit aufführt, ein Ensemble im Ensemble.
Jene besondere Stille stellt sich ein, die eine grosse Erwartung begleitet, kurz bevor sie sich erfüllen soll. Elphaba und Glinda werden tatsächlich in den inneren Palast vorgelassen. Der Mann, dem Elphaba schliesslich gegenübersteht, ist keine furchteinflössende Erscheinung, sondern warm, zugewandt, mit einer Stimme, die ihr das Gefühl gibt, zum ersten Mal von einer Autoritätsperson wirklich gehört zu werden.
Bevor du «A Sentimental Man» hörst, ein Hinweis: Hör diesen Song so, wie Elphaba ihn in diesem Moment hört, offen, aufnahmebereit, dankbar für diese unerwartete Wärme. Musikalisch trägt der Song eine sanfte, vertrauliche Wärme, eine Melodie, die sich behutsam entfaltet, wie ein Gespräch unter vier Augen. Für Elphaba ist dieser Moment die Erfüllung all jener Hoffnung, die sie seit ihrem ersten Tag an der Universität in sich getragen hat, nicht Duldung, sondern Bewunderung. Irgendwann in diesem Gespräch fällt der Satz «’Cause I think everyone deserves the chance to fly»: für Elphaba warm, grosszügig, ermutigend, genau das, wonach sie sich ihr Leben lang gesehnt hat, auch wenn er, wie du erst viel später bemerken wirst, unauffällig schon auf «Defying Gravity» vorausweist. Und in ihrem Gepäck trägt sie, ungesagt, noch eine zweite Hoffnung: dass ausgerechnet dieser Mann in der Lage sein könnte, etwas gegen die Unterdrückung der Tiere zu unternehmen, sobald sie ihm davon erzählt.
Mit derselben Wärme richtet der Zauberer nun eine Bitte an Elphaba, beiläufig, fast wie ein Nachgedanke, eine Bitte, die den Verlauf dieses Nachmittags, und mit ihm den Verlauf der gesamten Geschichte, für immer verändern wird.
Kapitel 6 – Der Bruch
Der Zauberer erklärt, mit derselben warmen Stimme, die Elphaba eben noch so tief berührt hat, er benötige ihre Hilfe bei einer kleinen, fast beiläufigen Angelegenheit. In der Mitte des Raumes liegt ein schweres, in Leder gebundenes Buch, älter und dichter beschrieben als alles, was Elphaba je an der Universität gesehen hat: die Grimmerie, ein Kompendium uralter Zaubersprüche, das, so erklärt der Zauberer, nur von jemandem mit echter, angeborener Begabung gelesen und angewendet werden kann. Er selbst, gesteht er mit entwaffnendem Lächeln, habe nie das Talent dafür besessen. Ob sie es nicht einmal versuchen wolle, ihm zu zeigen, wozu sie fähig sei?
Es ist ein Moment, der sich anfangs wie eine Auszeichnung anfühlt, nicht wie eine Gefahr. Elphaba, geschmeichelt und neugierig zugleich, beugt sich über die vergilbten Seiten und beginnt, unsicher, ob sie die fremden, alten Worte überhaupt richtig ausspricht, einen Zauber zu wirken. Im Raum befinden sich, wie Dienerschaft, mehrere kleine Affen, die man Elphaba als blosse Attraktion des Palasts vorgestellt hatte. Kaum sind die ersten Zeilen gesprochen, geschieht etwas, das niemand von ihr verlangt hat und das sie selbst nicht kontrollieren kann: Den Affen wachsen, vor aller Augen, Flügel.
Für einen Herzschlag herrscht im Raum eine Stille, die sich falsch anfühlt, zu lang, um noch ein Wunder zu sein. Dann bricht Jubel aus, echter, ungefilterter Jubel, aus dem Mund des Zauberers und aus dem Mund von Madame Morrible, die, wie Elphaba erst jetzt bemerkt, die ganze Zeit über im Hintergrund gestanden und genau beobachtet hat. Es ist dieser Jubel, mehr als die Flügel selbst, der Elphaba kalt überläuft. Niemand hier erschrickt über das, was gerade geschehen ist. Man freut sich darüber.
Elphaba begreift, mit wachsendem Entsetzen, was diese geflügelten Geschöpfe tatsächlich sein sollen: keine Wunderwerke, sondern Werkzeuge, Augen und Ohren, die man überallhin schicken kann, wohin ein Fuss auf dem Boden nicht gelangt, gerade dorthin, wo sich Tiere noch heimlich versammeln, um miteinander zu sprechen. Sie erinnert sich an Doktor Dillamonds brüchige Stimme, an das Schild vor der Bibliothek, an das gefangene Löwenjunge in ihrem eigenen Klassenzimmer, und all diese einzelnen, für sich genommen kleinen Beobachtungen fügen sich in diesem einen Augenblick zu einem vollständigen, unerträglichen Bild zusammen. Der Mann, der sie eben noch mit seiner Wärme bezirzt hat, steht im Zentrum genau jener Maschinerie, die die Tiere von Oz zum Schweigen bringt. Nicht durch offene Grausamkeit, sondern durch genau diese Art beiläufiger, freundlich verpackter Bitten.
Wichtig für das Verständnis dieser Szene: Der Zauberer entlarvt sich hier nicht als lauter, offen grausamer Tyrann, sondern bleibt derselbe warme Mann, dem Elphaba eben noch vertraut hat. Genau das macht diese Szene so beklemmend: Freundlichkeit und Grausamkeit bestehen in ein und derselben Person mühelos nebeneinander, und echte Macht gibt sich selten als solche zu erkennen, solange sie freundlich bleiben kann.
Elphaba weigert sich, an weiteren Zaubern mitzuwirken. Nicht mit einer grossen Rede, sondern mit einer klaren Handlung: Sie schnappt sich die Grimmerie und flieht, durch Gänge, an Wachen vorbei, hinauf, immer weiter hinauf, bis sie einen der höchsten Balkone des Palastes erreicht, hoch über den Dächern der Smaragdstadt. Madame Morrible reagiert sofort, geschult in Propagandaarbeit. Noch bevor Elphaba den Palast verlassen hat, beginnt sich unten auf den Strassen bereits eine neue Version der Geschichte zu formen, eine, die aus einer aufstrebenden Studentin eine gefährliche Diebin macht.
Auf diesem Balkon, während unten bereits die ersten Rufe laut werden, erreicht Glinda ihre Freundin, ausser Atem, entsetzt über das, was gerade geschehen ist. In diesem einen Gespräch kristallisieren sich zwei vollkommen unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage heraus: Was tut man, wenn man entdeckt, dass das System, dem man vertraut hat, zutiefst korrupt ist? Glinda bittet Elphaba, zurückzukommen, sich zu erklären, die Sache irgendwie beizulegen, ein Vorschlag, der aus echter Sorge kommt und zugleich zeigt, wie tief sie noch immer daran glaubt, dass sich Systeme von innen reparieren lassen. Elphaba hingegen hat in diesem Moment etwas verstanden, das sich nicht mehr zurücknehmen lässt: Es gibt keine Entschuldigung, die geflügelten Affen ihre Freiheit oder Doktor Dillamond seine Stimme zurückgibt.
Zwei junge Frauen, die sich in den letzten Kapiteln so viel näher gekommen sind, treffen hier zwei entgegengesetzte Entscheidungen. Glinda entscheidet sich zu bleiben, innerhalb des Systems zu wirken. Elphaba entscheidet sich, zu gehen, offen gegen das System zu stehen, wohl wissend, was es sie kosten wird. Keine der beiden Entscheidungen ist, an dieser Stelle, eindeutig richtig.
Bevor du «Defying Gravity» hörst, lohnt sich ein Blick auf einige konkrete Wendepunkte in diesem Song, dem bislang wichtigsten dieses Hörführers.
Der Song beginnt als offener Streit zwischen Glinda und Elphaba. Wenn Glinda singt «I hope you’re happy now», ist das kein blosser Vorwurf, sondern Ausdruck echter Verletzung und Angst um die Freundin, die sie gerade zu verlieren droht. Die Musik bleibt hier noch vergleichsweise erdverbunden, unentschlossen, fast so, als würde sie selbst noch zögern.
Mit «Something has changed within me, something is not the same» erkennt Elphaba, dass sich nicht bloss ihre äussere Lage verändert hat, sondern ihr innerer Massstab selbst. Das Orchester verdichtet sich zusehends, und je klarer ihr Entschluss wird, desto voller und unaufhaltsamer wirkt auch die Musik, die ihn trägt.
Bei «It’s time to trust my instincts, close my eyes and leap» entscheidet sie sich, ihren Instinkten zu vertrauen und den Sprung ins Ungewisse zu wagen. «Leap» heisst wörtlich springen oder einen grossen Satz machen, übertragen aber auch: sich ohne Netz in etwas Unbekanntes stürzen. Wenig später wird aus dieser doppelten Bedeutung buchstäbliche Realität, wenn Elphaba tatsächlich abhebt.
Mitten im Song kehrt das «Unlimited»-Motiv aus «The Wizard and I» zurück. Bei «Together, we’re unlimited», an Glinda gerichtet, erscheint Elphabas Zukunft für einen Moment nicht mehr als persönliche Vision, sondern als gemeinsame Möglichkeit.
Glinda entscheidet sich gegen diesen gemeinsamen Sprung. Elphaba setzt ihren Weg von hier an allein fort, ohne sie.
Wenn Elphaba buchstäblich abhebt, erreicht der Song jenen hohen, kraftvoll ausgehaltenen Ton, getragen von einer offenen Gesangstechnik, die man Belting nennt: laut und direkt aus der Bruststimme, ohne Rückzug in leichte, kopfige Höhen. Genau in diesem Moment erklingen Elphabas Stimme und der Chor der Bürger nicht nacheinander, sondern gegeneinander: Während sie sich selbst ermächtigt, formiert sich unten bereits jener Chor, der sie verfolgen wird.
Der Titel selbst, «Defying Gravity», lässt sich am besten mit «der Schwerkraft die Stirn bieten» übersetzen, bewusst doppeldeutig: Ganz konkret meint er, dass Elphaba auf einem selbst verzauberten Besen zu fliegen beginnt. Doch die Schwerkraft, gegen die sie sich hier auflehnt, ist auch das ganze Gewicht der Erwartungen, unter denen sie ihr Leben lang gestanden hat.
Erinnerst du dich an «The Wizard and I», an Elphabas Wunsch, für ihr Anderssein bewundert zu werden? Dieser Wunsch erfüllt sich jetzt, auf eine Weise, die grausamer kaum sein könnte: Elphaba wird tatsächlich gesehen, von ganz Oz, in diesem einen Moment über den Dächern der Smaragdstadt. Nur sehen die Menschen dort unten kein Wunder. Sie sehen ein Monster.
Deshalb ist «Defying Gravity» kein gewöhnliches Finale. Es ist der Punkt, auf den die gesamte bisherige Geschichte unweigerlich zulaufen musste, der Moment, in dem Elphaba sich, zum ersten Mal, aktiv dafür entscheidet, genau das zu sein, wofür man sie immer verurteilt hat.
Wenn der letzte hohe Ton verklingt, bleibt eine Bühne zurück, die sich in zwei Hälften geteilt hat, aber nicht in stiller Eintracht: Elphabas Stimme steht in diesem Moment nicht allein, sondern gegen einen Chor, der bereits ihre Verfolgung fordert. Selbstermächtigung und öffentliche Verurteilung, persönlicher Aufstieg und der kollektive Versuch, sie wieder herunterzuholen, Elphabas neue Freiheit und die Entstehung ihres öffentlichen Feindbilds, all das erklingt hier gleichzeitig, nicht nacheinander. Oben verschwindet Elphaba, ungewiss, wohin ihr Weg sie führen wird. Unten bleibt Glinda zurück, mit einem Zauberer, der ihr sein Bedauern versichert, und mit Madame Morrible, die keine Sekunde verliert.
Was jetzt geschieht, ist wichtig: Nicht Elphaba entscheidet, fortan die Böse Hexe des Westens zu sein. Oz entscheidet, sie so zu nennen. Madame Morrible liefert dafür die Worte, sorgfältig gewählt, wiederholbar, geeignet für Plakate und für den Mund einer aufgebrachten Menge. Der Chor, den du bereits aus Kapitel 2 kennst, jene öffentliche Meinung, die im ersten Kapitel dieser Rückblende noch feierte, wird in den kommenden Kapiteln genau diese neuen Worte übernehmen, als wären es die eigenen.
Der erste Akt dieses Musicals endet an dieser Stelle. Damals, in der Rahmenhandlung, war Elphaba eine namenlose Böse Hexe, über deren Tod ganz Oz jubelte. Jetzt kennst du die Frau, die zu dieser Hexe erst gemacht wird, durch eine Entscheidung, die aus Mut, nicht aus Bosheit geboren ist.
Kapitel 7 – Getrennte Wege
Nach dem Sturm auf dem Palastbalkon vergeht Zeit, anders als in den vorigen Kapiteln. Es sind keine unbeschwerten Wochen mehr, in denen sich zwei Studentinnen näherkommen, sondern eine Zeit, in der sich zwei Leben in entgegengesetzte Richtungen entwickeln: eine gejagte grüne Frau auf der einen Seite, eine gefeierte blonde Frau auf der anderen.
Elphaba ist untergetaucht, wechselt Unterschlüpfe, sucht Kontakt zu den wenigen Tieren, die noch nicht gänzlich zum Schweigen gebracht wurden. Die offizielle Version dieser Geschichte, die Madame Morrible mit wachsender Perfektion verbreitet, kennt kein Wort der Nuance: Sie ist die Böse Hexe des Westens, gefährlich, unberechenbar.
Glinda dagegen wird zu einer Art öffentlichem Symbol, zur sichtbaren Gegenfigur der Bösen Hexe, zur Beweisführung dafür, dass Oz weiterhin von guten Menschen repräsentiert wird. Man verleiht ihr einen neuen Titel, «Glinda the Good», kleidet sie prunkvoller, stellt sie bei offiziellen Anlässen an die Seite des Zauberers. Fiyero gehört inzwischen ebenfalls zu diesem Bild, mittlerweile mit Glinda verlobt und, wie sich noch zeigen wird, mit einer eigenen offiziellen Aufgabe betraut.
Bevor du «Thank Goodness» hörst, ein Hinweis: Achte auf den Unterschied zwischen dem, was die Menge um Glinda herum feiert, und dem, was Glinda selbst, in kurzen, beiseite gesprochenen Einwürfen, ihrem Publikum anvertraut. Wenn der Chor dazu aufruft, die allgemeine Panik für diesen einen Tag beiseitezuschieben und zu feiern, zeigt das, wie sehr die allgemeine Angst längst zur gesellschaftlichen Normalität geworden ist: Sie wird nicht überwunden, sondern für einen Festtag nur kurz beiseitegeschoben. Zum ersten Mal behauptet der Chor hier auch ausdrücklich, wie man die Böse Hexe besiegen könnte, «Pure water can melt her», ein Gerücht, das durch blosse Wiederholung zur vermeintlichen Tatsache wird und zugleich schon auf das Finale vorausdeutet. Musikalisch ist der Song, was die Menge betrifft, hell und festlich, fast eine Fortsetzung jenes marschartigen Jubels, den du bereits aus «No One Mourns the Wicked» kennst. Doch immer wieder tritt Glinda kurz aus dem Chor heraus, in kleinen, privaten Einschüben, deren Ton spürbar trockener klingt als der überschwängliche Rest.
Glinda hat, äusserlich betrachtet, alles erreicht, wovon sie an ihrem ersten Tag in Shiz geträumt hat. Wenn sie singt, «Happy is what happens when all your dreams come true», liegt genau darin die Ironie dieses Moments: Ihre Träume sind scheinbar erfüllt, und ausgerechnet jetzt erkennt sie, dass sie nicht glücklich ist. Sie steht an der Seite eines Mannes, dessen Grausamkeit sie mit eigenen Augen gesehen hat, und repräsentiert öffentlich eine Version der Wahrheit, von der sie weiss, dass sie nicht stimmt.
Was in den Wochen nach diesem Auftritt tatsächlich geschieht, findet grösstenteils ausserhalb der Musik statt, in einem Teil der Geschichte, den das Original Broadway Cast Album nicht als eigenen Song enthält. Diese Lücke sei hier kurz geschlossen, denn ohne sie ergeben spätere Ereignisse keinen Sinn.
Nessarose, Elphabas jüngere Schwester, regiert seit dem Tod des gemeinsamen Vaters über den Osten von Oz, mit wachsend harter Hand: Sie schränkt die Rechte und die Bewegungsfreiheit der Munchkins spürbar ein. An ihrer Seite steht Boq, treu, aufopfernd, gebunden nicht nur durch eine Mischung aus Abhängigkeit und Schuldgefühl, sondern auch durch die schlichte Tatsache, dass man einer Herrscherin mit solcher Macht nicht einfach den Rücken kehrt. Nessarose hält ihn mit dem stillen Vorwurf bei sich, ohne ihn nicht zurechtzukommen. Elphaba besucht ihre Schwester heimlich und tut, was sie für das Naheliegendste hält: Sie verzaubert Nessaroses Schuhe, sodass ihre Schwester zum ersten Mal in ihrem Leben ohne Rollstuhl gehen kann.
Es ist als Geschenk gemeint, und für einen Moment wirkt es auch so. Doch Boq erkennt in genau diesem Moment etwas, das er sich selbst kaum eingestehen mag: Wenn Nessarose nicht mehr auf seine Hilfe angewiesen ist, hält ihn nichts mehr an ihrer Seite. Er will zu Glinda, offen, ohne Umwege. Nessarose, aus Verzweiflung über den drohenden Verlust, greift zu einem Mittel, das sie nicht beherrscht: einem Liebeszauber, der Boq an sie binden soll. Der Zauber trifft nicht sein Herz im übertragenen Sinn, sondern wortwörtlich, und verletzt es lebensgefährlich.
Elphaba, die rechtzeitig eintrifft, kann Boqs Leben nur retten, indem sie zu einem drastischen letzten Mittel greift: Sie verwandelt seinen sterbenden Körper in ein Wesen aus Zinn, kalt, unzerbrechlich, am Leben, aber ohne das Herz, das ihn eben noch beinahe getötet hätte. Nessarose, am Boden zerstört und unfähig, ihren eigenen Anteil zu sehen, gibt allein Elphaba die Schuld an allem, was geschehen ist.
In der Bühnenfassung trägt dieser Handlungsstrang einen eigenen Titel, «The Wicked Witch of the East», auf dem Original Broadway Cast Album jedoch fehlt er als eigenständiger Track vollständig. Für den Hörführer bedeutet das: Diesen Teil der Geschichte hörst du nicht als Song, sondern lernst ihn nur hier, im erzählten Zwischenschritt, kennen. Er gehört trotzdem unverzichtbar dazu, denn ohne ihn lassen sich später weder Boqs Schicksal noch die Schuhe noch die endgültige Tragik um Nessarose richtig einordnen.
Die Szene gehört zur Bühnenhandlung, fehlt aber als eigener Track auf dem Original Broadway Cast Album. Die Filmfassung macht diesen für Nessarose und Boq wichtigen Handlungsschritt in einer für den Film bearbeiteten Fassung hörbar.
Elphaba verlässt ihre Schwester mit einer weiteren, bitteren Erfahrung: Selbst ihre grösste Rettung hinterlässt eine Wunde, die sich nicht mehr schliessen lässt. Mit genau dieser Erfahrung kehrt sie zu jenem Ort zurück, der ihr eigentlich verboten ist.
Was dort geschieht, ist der eigentliche Mittelpunkt dieses Kapitels. Du weisst bereits, seit dem vorigen Kapitel, dass der Zauberer ein Betrüger ist, ein Mann, der Macht nicht durch Magie, sondern durch Kontrolle und Inszenierung ausübt. «Wonderful» ist deshalb keine erste Enttarnung mehr. Es ist etwas Interessanteres: die Selbstrechtfertigung eines Mannes, der genau weiss, dass er durchschaut wurde, und der es trotzdem für nötig hält, sich zu erklären, und der, ganz nebenbei, noch einmal versucht, Elphaba auf seine Seite zu ziehen.
Er erzählt ihr, was er nie zuvor jemandem erzählt hat: Er kam als gewöhnlicher Mann nach Oz, durch einen Zufall, einen abgetriebenen Ballon, ohne jede Magie. Was er vorfand, war eine Bevölkerung, die verzweifelt nach jemandem suchte, an den sie glauben konnte, und er entschied sich, genau dieser Jemand zu werden, nicht durch Zauberei, sondern durch die Bereitschaft, eine Geschichte zu liefern, an die man sich klammern konnte. Ein Land ohne gemeinsame Erzählung, sagt er fast nüchtern, zerfällt in Streit. Ein Land, das an ein Wunder glaubt, lässt sich lenken, ohne dass man ständig Gewalt anwenden müsste.
Er bietet Elphaba etwas an: Wenn sie sich seiner Seite anschliesst, sollen die geflügelten Affen freigelassen werden. Für einen Moment ist Elphaba nahe daran, einzuwilligen, müde von der Flucht, hungrig nach irgendeiner Art von Wiedergutmachung. Dann jedoch entdeckt sie, in einem Nebenraum des Palastes, Doktor Dillamond, kaum wiederzuerkennen, seiner Sprache fast vollständig beraubt, ein Schatten dessen, was er einmal war. In diesem einen Anblick zerfällt jede Möglichkeit einer Einigung. Der Zauberer hat sich nicht geändert. Er ist weiterhin Teil genau jener Maschinerie, die Doktor Dillamond das genommen hat, was ihn ausmachte.
Es wäre zu einfach, den Zauberer jetzt nur als Bösewicht abzuhaken, der sein wahres Gesicht zeigt. Interessanter ist, dass er sich selbst nicht so erlebt: In seiner eigenen Erzählung hat er eine führungslose Gesellschaft stabilisiert, und die Unterdrückung der Tiere ist für ihn eine notwendige Nebenwirkung eines grösseren Ganzen. Genau darin liegt der Gedanke, der dieses Kapitel mit neuen Augen zeigt: Ob jemand als Verräterin oder als Befreierin in die Geschichte eingeht, hängt einzig davon ab, wer am Ende die Geschichte erzählen darf, eine Frage, die dieser Hörführer seit dem ersten Kapitel verfolgt.
Diese für den Film bearbeitete Version enthält zusätzlichen gesprochenen Handlungskontext und wird als Ergänzung, nicht als Ersatz für die Broadway-Aufnahme angeboten.
In diesem Moment der Konfrontation stürmt Fiyero herein, nicht als Verlobter, der zufällig vorbeikommt, sondern in seiner offiziellen Funktion als Hauptmann der Palastwache, ein Amt, das man ihm als Teil seiner Rolle an Glindas Seite übertragen hat. Er stellt sich zwischen Elphaba und die Wachen, bedroht den Zauberer unverblümt und verschafft Elphaba die entscheidenden Sekunden zur Flucht. Es ist kein heimlicher, sondern ein vollkommen öffentlicher Bruch: Ein Hauptmann der Wache, der die meistgesuchte Frau von Oz gegen den Zauberer selbst verteidigt, lässt sich nicht mehr verbergen oder schönreden. Fiyero hat, in diesem einen Moment, unwiderruflich mit seiner Rolle an Glindas Seite und mit dem System gebrochen, das er bislang mitgetragen hat.
Was das für Glinda bedeutet, lässt sich kaum in Worte fassen, die ihr gerecht würden. Sie verliert nicht nur einen Verlobten, sie verliert ihn öffentlich, vor genau jenem Publikum, dem sie all die Monate zuvor ein makelloses Bild vorgespielt hat. Aus dieser Mischung aus Verletzung und Demütigung heraus geschieht etwas, das sich später als folgenschwer erweisen wird: Noch im selben Atemzug, unmittelbar nach Fiyeros offenem Bruch, lässt Glinda, ohne wirklich böse Absicht, nur aus wunder, unbedachter Verletzung, einen Namen fallen: Nessarose. Madame Morrible, die genau in diesem Moment nach einem Weg sucht, Elphaba aus der Deckung zu locken, greift die Idee sofort auf. Es ist keine kalkulierte Falle, die Glinda hier stellt, eher ein Satz, der ihr in einem schwachen Moment herausrutscht.
Für wenige Takte kehrt an dieser Stelle jene Melodie zurück, die du bereits aus «I’m Not That Girl» kennst, diesmal nicht als eigenständige Nummer wie in Kapitel 5, sondern als Reprise, ein bewusst kurz gehaltenes Wiederaufgreifen desselben musikalischen Gedankens. In Kapitel 5 redete sich Elphaba ein, nicht die Frau zu sein, für die Fiyero sich entscheiden würde. Jetzt steht Glinda an genau derselben Stelle, mit demselben Satz, nur diesmal ist es ihre eigene Beziehung, die zerbrochen ist. Die Musik wiederholt hier kein Thema, sie verschiebt einen Schmerz von einer Figur auf die andere, und genau das macht diesen kurzen Moment zu einem der stillsten, traurigsten Spiegel des gesamten Hörführers.
Fiyero macht sich, kaum ist der Bruch vollzogen, auf, Elphaba im Untergrund zu finden. Was er findet, ist eine Frau, die von der Welt gejagt wird, erschöpft, misstrauisch. Und doch entsteht zwischen den beiden, in dieser ungünstigsten aller Situationen, ein Moment reiner, ungeteilter Nähe, ganz ohne Publikum, ganz ohne Rollenspiel.
Dieser Song bildet den ruhigen Gegenpol zu allem, was du in diesem Kapitel bisher gehört hast. Nach der kalten Machtlogik von «Wonderful» und der glänzenden, aber hohlen Öffentlichkeit von «Thank Goodness» braucht diese Geschichte einen Moment, in dem zwei Menschen einander ohne jede strategische Absicht begegnen. Musikalisch drückt sich das in einer warmen, weiten Melodie aus, die sich nicht drängend, sondern umarmend anfühlt. Die beiden Stimmen müssen sich, anders als noch in «Defying Gravity», nicht gegeneinander behaupten, sondern verweben sich zunehmend ineinander.
Weder Elphaba noch Fiyero wissen in dieser stillen Nacht, wie kurz ihre Ruhe noch dauern wird. Was jetzt folgt, gehört bereits zum letzten Kapitel dieser Geschichte.
Kapitel 8 – Kein gutes Werk bleibt ungestraft
Während Elphaba und Fiyero diese eine, kurze Nacht der Nähe erleben, meldet sich in Elphaba eine Unruhe, die sie nicht abschütteln kann: das Gefühl, dass ihrer Schwester Gefahr droht. Sie hat recht, wenn auch nicht auf die Weise, die sie ahnt. Madame Morrible, die über eigene Wettermagie verfügt, greift Glindas unbedachten Hinweis auf und setzt ihn gezielt um: Sie beschwört einen Wirbelsturm, um Elphaba über die Bedrohung ihrer Schwester endgültig aus der Deckung zu locken. Glinda hat diesen Tod nicht gewollt, sie hat nur einen Namen fallen lassen. Der Sturm reisst zugleich ein Farmhaus mit sich, weit weg, aus einem anderen Land, mit einem Mädchen namens Dorothy und seinem kleinen Hund darin, jenes Haus, das du bereits aus dem ersten Kapitel dieses Hörführers kennst. Jetzt, kurz vor dem Ende der Geschichte, holt es Nessarose ein und begräbt sie unter sich.
Was danach geschieht, ist der eigentliche Bruch dieses Kapitels, und er hat nichts mit Fackeln oder Wachen zu tun, sondern mit einem Paar Schuhe. Glinda, in ihrer offiziellen Rolle als gütige Vertreterin von Oz, nimmt sich der verwirrten, weit von zu Hause entfernten Dorothy an und schenkt ihr, aus Mitgefühl und ohne die Tragweite zu bedenken, die verzauberten Schuhe, die einst Nessaroses eigene waren, jene Schuhe, die Elphaba selbst mit eigener Magie an ihre Schwester gebunden hatte. Für Glinda ist es eine Geste der Fürsorge gegenüber einem fremden Mädchen. Für Elphaba, als sie davon erfährt, ist es ein Verrat, der tiefer sitzt, als Glinda ahnen kann: Diese Schuhe waren das letzte, was ihr von ihrer Schwester geblieben war, und jetzt trägt sie eine Fremde.
Der Streit, der daraufhin zwischen den beiden Freundinnen ausbricht, ist der bitterste, den dieser Hörführer bislang erzählt hat, roh, unfair auf beiden Seiten, getragen von Monaten aufgestauter Erschöpfung. Und während er tobt, schnappt die Falle zu, die kurz zuvor, in einem unbedachten Moment, gestellt wurde: Madame Morrible hat den Hinweis auf Nessarose genutzt, um Elphaba genau an diesen Ort zu locken, und die Wachen des Zauberers umstellen das Haus, kaum dass der letzte Vorwurf ausgesprochen ist.
Es ist Fiyero, der im letzten Moment eingreift, Elphaba den Weg freikämpft und sie zur Flucht drängt, während er selbst zurückbleibt, um die Wachen aufzuhalten. Er wird gefasst. Was die Wachen mit ihm tun, geschieht nicht aus purer Grausamkeit allein, sondern als Botschaft: Sie binden ihn an einen Pfahl, mitten auf einem offenen Feld, wie eine lebende Vogelscheuche, ausgesetzt Wind und Wetter, als Warnung an jeden, der Elphaba noch helfen wollte.
Elphaba, die davon erfährt, kann diesen Verlust nicht einfach hinnehmen. Sie versucht, mit letzter Kraft und einem Zauber, den sie selbst kaum kontrolliert, Fiyero zu erreichen, ihn zu schützen, ihn irgendwie zurückzuholen. Es ist ein verzweifelter, halb blinder Versuch, und genau dieser Kontrollverlust ist es, den der folgende Song hörbar macht.
Bevor du «No Good Deed» hörst, ein Hinweis: Dieser Song klingt bewusst anders als jede frühere Elphaba-Nummer, einschliesslich «Defying Gravity». Achte darauf, wie wenig sich die Melodie an eine erkennbare, wiederkehrende Form hält, wie sie sich stattdessen von einem Ausbruch zum nächsten hangelt, ohne den sicheren, tragenden Bogen, den du aus früheren Höhepunkten kennst. Die Musik wirkt zunehmend unruhig, fast atemlos, so als würde sie, wie Elphaba selbst, die Kontrolle über die eigene Richtung verlieren.
«No Good Deed» ist keine Kapitulation. Elphaba gibt hier nicht auf. Sie vollzieht etwas Radikaleres: den endgültigen Bruch mit dem Glauben, dass gute Absichten irgendwann belohnt werden. In diesem Song verabschiedet sie sich von genau diesem Glauben, laut, wütend, mit einer Musik, die sich jeder Beruhigung verweigert und, anders als frühere Nummern, in keinem tröstlichen Schlussakkord zur Ruhe kommt.
Was aus Fiyero in den Stunden nach diesem Song tatsächlich wird, bleibt bewusst im Halbdunkel, aber du wirst bald erfahren, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Was sich deutlich zeigt, ist die Reaktion des Regimes: Der Zauberer, entschlossen, Elphaba endgültig loszuwerden, mobilisiert Dorothy und ihre Gefährten gegen sie, verspricht die Erfüllung ihrer Wünsche im Austausch für den Besen der Bösen Hexe. Zu dieser kleinen Armee gehören, ohne dass Dorothy die ganze Wahrheit dahinter kennt, ausgerechnet Boq, der als Mann aus Zinn weiterlebt, und jener Löwe, der einst als Junges von Elphaba und Fiyero aus einem Käfig befreit wurde und Elphaba nun sogar vorwirft, ihn damals nicht für sich selbst kämpfen gelassen zu haben.
Diese kurze, atmosphärische Zwischenmusik braucht keine ausführliche Analyse, verdient aber eine genaue Beobachtung. Erinnerst du dich an jenen Chor aus Kapitel 2, der ein Urteil sang, «no one mourns the wicked», ohne selbst tätig zu werden? Hier, viele Kapitel später, marschiert genau dieser Chor seinem eigenen Urteil hinterher. Aus der singenden, kommentierenden Öffentlichkeit ist eine jagende Masse geworden. Das ist keine Wiederholung des Chor-Gedankens, sondern seine letzte, folgerichtige Entwicklung.
Elphaba, in ihrem letzten Rückzugsort, gerät schliesslich in einer Konfrontation mit Dorothy und ihren Gefährten in die Enge. Sie nimmt Dorothy gefangen und verlangt, mit der ganzen aufgestauten Verzweiflung der letzten Wochen, die Schuhe zurück, die einst ihrer Schwester gehörten. Mitten in dieser angespannten Situation erscheint Glinda, nicht als Feindin, sondern um zu warnen, vielleicht sogar um zu helfen, so gut es noch geht.
In diesem Moment, tiefer erschüttert als in jeder Szene zuvor, bittet Elphaba ihre Freundin um etwas Ungewöhnliches: nicht darum, ihren Namen reinzuwaschen, sondern genau das Gegenteil. Die öffentliche Geschichte von der Bösen Hexe soll stehen bleiben, unangetastet. Es ist leichter, denkt Elphaba, als Monster zu verschwinden, als als Frau zurückzukehren, die alles verloren hat. In diesem letzten gemeinsamen Moment vergeben sich die beiden Freundinnen, ohne viele Worte, alles, was in den letzten Kapiteln zwischen ihnen zerbrochen ist.
Bevor du «For Good» hörst, ein Hinweis: Dieser Song wählt bewusst den Gegenentwurf zur Wucht von «Defying Gravity» und zur bitteren Härte von «No Good Deed»: Schlichtheit. Eine einfache, warme Klavierbegleitung trägt zwei Stimmen, die sich, Phrase für Phrase, einander annähern, zunächst getrennt, dann zunehmend im Einklang, bis sie am Ende gemeinsam dieselbe Melodie tragen.
Die romantische Liebesgeschichte zwischen Elphaba und Fiyero ist wichtig für dieses Musical. Aber das eigentliche emotionale Rückgrat von Wicked ist die Freundschaft zwischen Elphaba und Glinda, zwei Frauen, die sich am ersten Tag in Shiz nicht ausstehen konnten und die sich gerade durch diese schwierige Beziehung tiefer verändert haben, als es jede romantische Liebe in diesem Stück vermag. «For Good» ist der Moment, in dem das Musical dies ausspricht.
An dieser Stelle kehrt das «Unlimited»-Motiv ein letztes Mal zurück: In «The Wizard and I» träumte Elphaba von einer unbegrenzten persönlichen Zukunft, in «Defying Gravity» erschien diese Zukunft für einen Moment als gemeinsame Möglichkeit mit Glinda. Jetzt, in «For Good», singt sie stattdessen «I’m limited», dasselbe musikalische Material, nun unter umgekehrtem Vorzeichen. Diese Begrenztheit ist keine simple Niederlage: Der Blick verschiebt sich von unbegrenzten äusseren Möglichkeiten auf die dauerhafte Wirkung, die Elphaba und Glinda im Leben der jeweils anderen hinterlassen.
Der Titel selbst trägt eine doppelte Bedeutung, die sich im Deutschen kaum in einem Wort einfangen lässt. «For good» heisst zunächst «für immer»: Diese beiden Frauen werden sich nach diesem Abschied nicht mehr auf dieselbe Weise begegnen. Gleichzeitig bedeutet «for good» auch «zum Guten»: verändert zu etwas Besserem. Elphaba und Glinda trennen sich für immer, das ist die schmerzliche Bedeutung. Aber sie haben einander auch, jede auf ihre Weise, zum Guten verändert, dauerhaft, unumkehrbar, das ist die tröstliche zweite Bedeutung.
Was jetzt geschieht, führt dich zurück an jenen Ort, an dem dieser Hörführer begonnen hat, und zugleich weiter, als du bislang ahnen konntest. Elphaba stellt sich, ein letztes Mal, der Konfrontation mit Dorothy und ihren Gefährten. Ein Feuer entsteht, ungewollt, mitten im Durcheinander. Ein Eimer Wasser soll löschen, was zu löschen ist. Und die Böse Hexe des Westens, so erzählt es die offizielle Geschichte von Oz seit diesem Tag, löst sich auf, ein für alle Mal.
Was Oz nie erfahren wird: Elphaba zerfliesst nicht wirklich. In dem Moment, in dem das Wasser sie trifft, verschwindet sie durch eine verborgene Falltür, und die Stadt hält das für ihr endgültiges Schmelzen, begeistert bereit zu glauben, was sie sehen wollte. Auch Fiyero lebt weiter, auf eine Weise, die niemand in Oz durchschauen wird: Elphabas Schutzzauber, jener verzweifelte Versuch aus der Nacht von «No Good Deed», hat ihn nicht sterben lassen, sondern in genau jene Gestalt verwandelt, in der Dorothy ihm auf ihrem Weg begegnet ist, ohne zu ahnen, wen sie da eigentlich vor sich hat. Elphaba und Fiyero verlassen Oz gemeinsam, im Verborgenen, zwei Menschen, die für die Welt draussen nicht mehr existieren.
Du erinnerst dich, aus dem ersten Kapitel, wie unheimlich diese kleine, fast komische Schmelzszene wirkt, sobald man sie aus der Position der vermeintlich Sterbenden betrachtet. Jetzt kennst du diese Sterbende, und jetzt weisst du auch, dass sie in Wahrheit gar nicht gestorben ist.
Was Oz in den Wochen danach über sich selbst erfährt, ist mehr, als die Feiernden in der Smaragdstadt zunächst ahnen. Unter Elphabas zurückgelassenen Sachen findet sich eine alte Flasche mit grünem Elixier, und als der Zauberer sie zu Gesicht bekommt, erkennt er sie wieder: dieselbe Flasche aus seiner früheren Begegnung mit Elphabas Mutter. Damit wird offenbar, was bis dahin niemand wissen konnte: Der Zauberer ist, auf eine Weise, die er selbst wohl nie ganz verstanden hat, Elphabas leiblicher Vater. Mit diesem Wissen konfrontiert, verlässt der Zauberer Oz endgültig, ein Mann, dessen Herrschaft, wie du seit «Wonderful» weisst, ohnehin nur auf einer gut erzählten Geschichte beruhte. Madame Morrible, die diese Geschichte über Jahre verwaltet hat, wird verhaftet, keine neutrale Amtsperson, sondern die Architektin der Propaganda, die aus einer jungen Frau ein Monster gemacht hat.
Glinda übernimmt an ihrer beider Stelle die öffentliche Erneuerung von Oz, nicht mehr als naive, beliebte Studentin, sondern als Frau, die genau weiss, was es kostet, Teil eines Systems zu sein, das Menschen zu Monstern erklärt, wenn es ihm nützt, und die genau deshalb entschlossen ist, es anders zu machen. Dass Elphaba noch lebt, bleibt ein Geheimnis, das Oz nie erfahren wird, ein stiller Trost, den nur wenige mit sich tragen.
Damit schliesst sich der Kreis, den dieser Hörführer in Kapitel 2 geöffnet hat. Jener Chor, der einst pauschal urteilte und später marschierte, singt im Finale die endgültige, öffentliche Version der Geschichte von Oz, ruhiger jetzt, fast erleichtert, eine Geschichte, die keinen Platz mehr für Zweifel lässt. Erinnerst du dich an Glindas ausweichende Antwort auf die Frage, ob sie und die Böse Hexe einst befreundet waren? Jetzt weisst du, was hinter diesem Zögern lag, und jetzt weisst du auch, was Glinda ihrem Publikum in jenem Moment verschwiegen hat.
Und du weisst jetzt auch, wie die Frage zu beantworten ist, die Kapitel 1 gestellt, aber nicht beantwortet hat: Wer war die Frau mit der grünen Haut, bevor sie zur Bösen Hexe wurde? Sie war ein Kind, das man nie gefragt hat, warum es ist, wie es ist. Sie war eine Studentin, die sich wünschte, für ihr Anderssein bewundert zu werden. Sie war eine Frau, die einer korrupten Macht die Stirn bot. Und sie war die beste Freundin einer jungen Frau, die einmal, mit geübtem Lächeln, in einer rosafarbenen Kugel vom Himmel herabschwebte und dabei ein Geheimnis mit sich trug, das schwerer wog als jede Krone.
Wicked hat «Der Zauberer von Oz» nicht widerlegt. Die alte Geschichte bleibt bestehen. Was sich verändert hat, ist dein Blick auf die Frau, die darin nie eine eigene Stimme hatte. Das ist vielleicht das grösste Geschenk dieses Musicals: nicht die Frage, ob die Böse Hexe in Wahrheit gut war, sondern die leisere Erkenntnis, wie schnell Menschen bereit sind, jemanden zum Monster zu erklären, der einfach nur anders, mutiger, unbequemer ist als der Rest.
Damit endet dieser Hörführer, so wie er begonnen hat: mit einer Frage, die niemand stellt, und einer Antwort, die du dir nun selbst gegeben hast. Kein grosser Abschied, kein letzter Paukenschlag. Nur die stille Dankbarkeit dafür, eine Geschichte, die du zu kennen glaubtest, ein zweites Mal gehört zu haben, diesmal von der anderen Seite. Danke, dass du mitgekommen bist, nach Oz und wieder zurück.
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